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Angst vor der Apokalpyse?
Wir sterben doch sowieso!
Papst Benedikt hat sich das Handgelenk gebrochen. «Herrjesses», flüstern Journalisten und kabeln die Nachricht tausendfach in alle Welt. Wenn
Gähnen schmerzen würde, läge ich mittlerweile im Koma. Übertrumpft wird der grosse Wirbel um den kleinen Gips derzeit nur vom H1N1-Virus, mit dessen
Hilfe Politiker und Behörden wieder mal den Weltuntergang heraufbeschwören. Seien Sie versichert: Die Apokalypse findet nur auf dem Papier statt. Und Papier ist vergänglich. Merkwürdig ist es schon, wie uns dieses laue «Grippchen» derzeit täglich als Todesbringer um die Ohren geklatscht wird. Als wäre ein Marketingbüro beauftragt worden, einen reisserischen Namen zu kreieren, um den Impfstoffabsatz anzukurbeln. Mit den Schweinen hat das Virus nämlich gar nichts zu tun! Zudem ist es harmloser als jede andere Grippe – ausser, dass es manchem Politiker aufs ohnehin schon kränkelnde Hirn schlägt: Bis Ende Juli 2009 sind in 160 Ländern gerade mal 800 Menschen daran gestorben. Zum Vergleich: Jährlich sterben allein in der Schweiz 400 bis 1000 Menschen an «normaler» Grippe. Hallo? Wer sich angesichts derart nackter Tatsachen immer noch eine «Todesseuche» einreden lässt, muss masochistisch veranlagt sein. Ebensogut mag er von mir aus Uriellas Singsang lauschen oder sich von einer adretten Tagesthemen-Marionette die Welt erklären lassen. Das tut ebenfalls weh.
Wirklich schweinisch ist am H1N1-Virus nur etwas: Dass damit Geld verdient wird. Und das nicht zu knapp. Unter neuem Namen lässt sich die Angst besonders gut beschwören. Und so behaupte ich: Schon im nächsten Frühjahr wird niemand
mehr vor der Schweinegrippe zittern. Dann brauchts einen würdigen Nachfolger. Und der folgt so sicher wie der nächste Fehltritt des eingegipsten Papstes. Welcher Name solls denn diesmal sein? Milbenfieber? Rattenseuche? Hühnerpest?
Wehe dem, der sich am meisten Gedanken über diese Welt macht – er leidet am stärksten an ihr. Das Geschäft mit der Angst ist immer auch ein Geschäft mit der Angst vor der eigenen Vergänglichkeit. Lieber lassen wir uns täglich dagegen impfen als über den Tod nachzudenken. Mit schlechtem Gewissen und dem Vorsatz, endlich alles besser zu machen, verdrängen wir ihn solange, bis er uns hinterrücks überrascht. Wer sein Ende nicht akzeptieren mag, hat den Anfang nicht kapiert. Auch ich brauchte diesbezüglich Nachhilfestunden. Erhalten habe ich sie vor vielen Jahren, als ich als blutjunger Reporter ins Pflegeheim geschickt wurde. Dorthin, wo sich niemand gern freiwillig wagt. Ehrfürchtig trat ich über die Schwelle zur Zwischenwelt, wo ich mich in einer sterilen
Empfangshalle wiederfand, in der Pflegebedürftige auf den Tod warteten. Das Personal hatte sie in ihren Rollstühlen zu einem grossen Kreis formiert. Schweigend glotzten sie sich an. «Menschen, die sich nichts mehr zu sagen haben,möchten gehen», schoss es mir durch den Kopf, ehe man mich eilig weiterzerrte, zu den Zimmerchen im oberen Stock. Hier empfingen mich drei weibliche Pensionäre. Von ihren Verwandten vergessen, freuten sie sich über den unerhofften Besuch wie kleine Kinder. «Sie bringen ja richtig Leben in diese Gemäuer!» jauchzte das rüstige Damen-Trio. Treffender hätte man es nicht formulieren können. Ob sie denn keine Angst vor dem Sterben hätten,wollte ich in meiner jugendlichen Naivität später von ihnen wissen. «Warum sollten wir?», entrüstete sich die Älteste. «Wir haben doch alles erlebt!» Und was würden sie
der Jugend von heute auf den Weg geben? «Bleibt dann am bescheidensten, wenn euch am wenigsten danach ist», meinte die Kleinste. Und die Dritte flüsterte: «Geniesst das Leben,wenn ihr jung seid. Alt werdet ihr von alleine.» Weise Sätze, die im Palaver von heute leider allzu schnell verhallen.
«Wir leben das Leben besser, wenn wir es so leben, wie es ist – nämlich befristet», brachte der Jurist Peter Noll das universale Gesetz auf seinem Sterbebett einst auf den Punkt. Recht hat er. Denn wer alles erlebt hat, kann nichts mehr verpassen. Im besten Fall hat er der menschlichen Dummheit so lange Widerstand geleistet, dass er sich am Lebensende in der trügerischen Hoffnung wähnen darf, sie endlich überlistet zu haben. Schätzen wir unsere Gesundheit deshalb im Bewusstsein, dass sie nie mehr besser sein wird als heute. Laben wir uns an der Frucht des verbotenen Baumes, um dem Einheitsbrei zu entsagen, der uns täglich auf den Magen schlägt. Und schärfen wir unseren Blick, damit wir vor lauter paradiesischen Gewächsen das Blümchen am Wegrand nicht übersehen. Und irgendwo da draussen, im grossen Schweinestall, wälzt sich eine fette Sau gerade genüsslich auf ihrem dicken Aktienpolster, ohne zu merken, dass der Schlachter bereits vor der Türe steht. Leidet sie an Menschengrippe? Vermutlich. Denn der ansteckende Bazillus trübt den Blick fürs Wesentliche.
Luc Bürgin (Herausgeber)
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