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Leben wir mittlerweile wieder im finsteren Mittelalter?
«Mutter Gottes, du Jungfrau, vertreibe Putin!» johlte die Punkband «Pussy Riot» im Februar 2012 in der Moskauer Erlöserkirche. Sechs Monate sassen die Sängerinnen danach wegen ihrem «Punkgebet» in Untersuchungshaft – von orthodoxen christlichen Kirchenoberhäuptern als «Ausgeburten der Hölle» und «Gesandte des Satans» verteufelt. Nun schmoren sie im Gulag. Das Mittelalter lässt grüssen. Doch weltfremde Patriarchen kleben nicht nur in Russland auf ihrem Thron: Wussten Sie, dass sich im prunkvollen FIFA-Hauptquartier von Blatter in Zürich ein Andachtsraum befindet? Der katholische Sepp betet dort in Krisenzeiten regelmässig, wie er unlängst gestand. Also jeden Tag. Besser gemacht hätte sich in der Firmenzentrale des Weltfussballs wohl ein Beichtstuhl – für all die korrupten Funktionäre rund um den mächtigsten Fussballzwerg der Welt.
Nie urteilte die Gesellschaft scheinheiliger: Wer bei uns betet, an Gott und seine Wunder glaubt, gilt als kerngesund. Wer dagegen mit UFOs oder Geistern sympathisiert, muss aufpassen, dass man ihn nicht in die Klapse steckt. Wo bitteschön liegt der Unterschied? Warum werden Esoteriker als Scharlatane an den Pranger gestellt, wenn sie «energetisiertes» Wasser verkaufen – und kirchliche Heilwasser-Händler in christlichen Wallfahrtsorten gesellschaftlich wohlwollend geduldet? Heiliger Strohsack!
Auch der schlechteste Wein lässt sich bekanntlich schön trinken. Doch wenn es um extremistische Gläubige geht, hilft selbst der beste Tropfen nichts: Bereits missionieren radikal-islamische Salafisten auf unseren Strassen militanter als die Scientologen. Sogar im noblen Touristenstädtchen Interlaken schleichen zunehmend schwarz vermummte Burka-Damen durch Erich von Dänikens Mystery-Park. Verkleidete Ausserirdische auf geheimer Erkundungstour? Wer wagt es, ihren Schleier zu lüften?
In den USA forderte mit Präsidentschaftskandidat Mitt Romney ein bekennender Mormone Barack Obama heraus. Zur Erinnerung: Mormonen taufen Lebende stellvertretend für Verstorbene, um letzteren posthum das ewige Leben im Himmel zu ermöglichen. Darunter auch Anne Frank oder Adolf Hitler. Israelis reissen sich nicht nur deshalb beschämt ihre Kippa vom Kopf. Denn allein in Jerusalem tummeln sich mittlerweile 20 Prozent ultraorthodoxe Juden («Charedim»). In ihren Geschäften gibt es zwei Warteschlangen: Eine für jedes Geschlecht. Feil geboten werden dort auch koschere Handys: Ohne SMS-Service und Internet. Frauen müssen in solchen Quartieren im Bus hinten sitzen. Tun sie es nicht, drohen ihnen Schläge. Selbst wer als Touristin enganliegende Kleider trägt, wird von den erzkonservativen Charedim auf Jiddisch beschimpft – mitten in Jerusalem.
Ob so viel Stuss überkommt mich manchmal die schelmische Lust, einen ultraorthodoxen Rabbi samt einem radikal-islamischen Salafisten, einem stockkonservativen katholischen Bischof, einer leicht bekleideten Hollywood-Schönheit und der Feministin Alice Schwarzer in einen Aufzug zu locken, um ihnen irgendwo zwischen den Etagen den Strom abzudrehen. Ob ihre hitzige Diskussion der internationalen Völkerverständigung dienen würde, darf bezweifelt werden. Amüsant wäre sie allemal.
Da halte ich es doch lieber mit dem «Jediismus». Diese neue Religion gibts tatsächlich. Vom «Krieg der Sterne» inspiriert erhielt sie in England bei Volksbefragungen 2001 die Aktennummer 896. Kürzlich kreuzten bei einer Volkszählung in Tschechien bereits 15’070 Bürger an, Jediisten zu sein. «Möge die Macht mit uns sein», skandierten sie – frei nach dem Motto: Lieber Yoda & Co. als machtgeile Regenten in Illuminatenkutte. Die Rebellion gegen das europäische Imperium und seine Vorschriftswut wächst.
Apropos Justiz: «Mit Freiheitsstrafe bis zu fünf Jahren oder Geldstrafe wird bestraft, wer eine nukleare Explosion verursacht.» So steht es wörtlich im Deutschen Strafgesetzbuch unter § 328. Das gleiche Strafmass droht Konsumenten, die quecksilberhaltige Energiesparlampen im Haushaltsmüll entsorgen (§ 326). Im «Bürgerlichen Gesetzbuch» wiederum finden sich so sinnige Sätze wie: «Mutter eines Kindes ist die Frau, die es geboren hat.» (§ 1591) Oder: «Tiere sind keine Sachen. (...) Auf sie sind die für Sachen geltenden Vorschriften entsprechend anzuwenden...» (§ 90a) Weiter lesen wir, dass als Standesbeamter auch gilt, «wer, ohne Standesbeamter zu sein, das Amt eines Standesbeamten öffentlich ausgeübt hat». (§ 1310) Und nicht zuletzt: Dass eine Ehe aufgehoben werden kann, «wenn ein Ehegatte sich bei der Eheschliessung im Zustand der Bewusstlosigkeit oder vorübergehender Störung der Geistestätigkeit befand». (§ 1314)
Beschränkte Gesetze entspringen beschränkten Gehirnen. Wetten, dass der liebe Gott nach der Schöpfung des Menschen den Glauben an sich verlor und zum Atheisten mutierte? Wie bemerkte doch bereits Schriftsteller Erich Kästner geistreich: «Die ersten Menschen waren nicht die letzten Affen.»
Luc Bürgin (Herausgeber)
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