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Sind in Wirklichkeit wir die Beschränkten? (Dezember 2011)
«Hurra, die fünfte Milliarde ist voll!» sang Udo Jürgens 1988 zynisch. Neuerdings wimmelt es auf unserem Planeten bereits von sieben Milliarden Menschen. Und noch immer scheint die wachsende Schädlingsplage keinen zu jucken – ausser Mutter Erde. Gleichzeitig durchbricht die deutsche Staatsverschuldung in diesen Tagen die Schallgrenze von 2000 Milliarden Euro! Selbst dieser Knall schreckt kein Sumpfhuhn auf, obwohl das Wasser längst allen EU-Staaten bis zum Hals steht. Viel lieber gackern derzeit alle entrüstet über die verlumpten Griechen, an deren Billigstränden sie bisher genüsslich ihren Schnäppchen-Urlaub verbrachten.
Der überladene Euro-Dampfer sinkt wie einst die Titanic – und wir mit ihm. An Deck bemüht sich das monetäre Streichkonzert mit Merkel, Sarkozy und Co. trotz Misstönen krampfhaft um Harmonie, während sich im Hintergrund schamlose Spekulanten um die letzten Rettungsboote prügeln. Der Verdrängungskampf ist in vollem Gange. Wussten Sie, dass die gesamte Weltwirtschaft von nur noch 147 vernetzten Konzernen regiert wird, darunter hauptsächlich Banken, wie die ETH Zürich jüngst feststellte?
Den Glauben an Besserung verlor ich spätestens im Warenhaus, wo ich mich kürzlich durch die weihnachtlich dekorierte Kinderabteilung quälte – quer durchs scheinheilige Abzocker-Paradies, in dem dreiste Spielzeug-Imperien wie Nintendo, Playmobil und Co. unseren Kids mit massiv überteuertem, teils giftigem Ramsch aus Asien derzeit wieder mal den Kopf verdrehen. Den Schnuller haute es mir in der «Star Wars»-Ecke raus. Vor mir: Ein etwas grösserer Lego-Plastik-Baukasten («Todesstern») zum stolzen Preis von rund 550 Euro! Wann nehmen rebellische Journalisten endlich mal die Spielwaren-Mafia unter Beschuss? Das gäbe einen Bestseller!
An der Kasse wurde alles anders. Hinter mir eine schwerstbehinderte Frau, kaum 30-jährig. Ein greiser Mann bugsierte sie im Rollstuhl neben mich. Plötzlich tastete die junge Dame zaghaft nach meinen Fingern und begann sie sanft zu streicheln, während sie die Augen senkte. Dann ergriff sie meine ganze Hand, drückte sie zart an ihre Wange, lächelte mich aus tiefstem Herzen an, wisperte etwas von «Geheimnissen» und liess meine Finger sachte wieder los. Verwundert verlor ich sie im hektischen Trubel ebenso schnell aus den Augen, wie ich ihr begegnet war. Dennoch beschäftigt mich dieses klitzekleine Erlebnis bis heute. Hatte ich etwas verpasst? Sind es womöglich die Behinderten, die diese Welt begreifen – und wir sind die Ahnungslosen? Wissen die Menschen in der Anderswelt mehr als wir? Sind in Wirklichkeit wir die Beschränkten?
Zurück in der Nachrichtenhölle wurde ich Zeuge, wie Silvio Berlusconi in Italien seine 51. Vertrauensabstimmung überstand. Mamma Mia: Nicht mal die naivste gehörnte Ehefrau würde den Unschuldsbeteuerungen ihres Gatten so oft Glauben schenken! Schleunigst zappte ich weiter und erfuhr, wie den bettelarmen Massai in Kenia das Wasser abgepumpt wird, damit die Gewächsfarmen in Nairobi ihre Muttertagsblumen für den EU-Markt tränken können. Sorry, liebe Mam – aber am nächsten Feiertag gibts von mir nur noch einen Kuss. Und dann war da auch noch Zar Putin in Tauchermontur, der mit geschwelter Brust und antiker Vase tropfnass vor der Kamera posierte. Ein Schelmenstreich sondergleichen, denn das blitzblank polierte Relikt war zuvor gezielt am Meeresgrund deponiert worden, wie Putins Vasallen nun einräumten. «Gott hat definitiv einen Burnout», seufzte ich vor mich hin.
Wieder wanderten meine Gedanken zur behinderten Frau. Was sie mir wohl sagen wollte? Doch ehe ich mich versah, musste ich mitanschauen, wie deutsche Parlamentarier nach der Abstimmung über den 211-Milliarden-Anteil am Euro-Rettungsschirm in der ARD um die Wette faselten. Wieviel Geld Deutschland soeben einschoss? «Das kann ich jetzt spontan nicht konkret beziffern», stotterte so mancher Abgeordnete verlegen. Wann ziehen derlei «Rettungsschirm-Experten» endlich selber Leine? Wie heisst es doch so schön: Versicherungsvertreter verkaufen Versicherungen. Autovertreter verkaufen Autos. Und was verkaufen Volksvertreter?
Nachdenklich zerbrach ich mir den Kopf darüber, woran unsere Gesellschaft eigentlich krankt, wonach sie insgeheim sucht, was ihr fehlt und welche subtile Kraft selbst in diesen dunklen Zeiten still und leise ihre tapfersten Überlebensparolen nährt. Wieder dachte ich an die behinderte Frau, und dann glaubte ich zumindest einen Teil ihrer Botschaft zu verstehen: Es ist die Hoffnung auf Zuneigung, die uns bessere Zeiten ausmalen lässt und uns motiviert, Grenzen zu überwinden – es ist die Sehnsucht nach Zärtlichkeit, die uns am Leben hält!
Mein winziger Wunsch für 2012: Umarmen Sie am kältesten Tag dieses Jahres einen lieben Menschen und schenken Sie ihm einen Hauch Herzenswärme und ein Fünkchen Lebensmut. Die Zukunft wirds uns allen danken.
Luc Bürgin (Herausgeber)
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